Album “Wicked Ways”

Klicken zum VergrössernWer in Zeiten von Lady Gaga und der restlichen 90er-Jahre-Trash-Hysterie ein melodisches Rockalbum herausgibt, ist entweder von vorgestern oder dem Trend meilenweit voraus - oder einfach einer, der sich seine eigene Strasse pflastert.

Five Blues Zweitling “Wicked Ways” zwirbelt sich wie Erdbeer-Vanille-Softeis durch unsere Gehörgänge und huldigt endlich wieder mal den grossen Gefühlen.

Wer hat eigentlich die Gitarrensoli sterben lassen? Und wer die Chorgesänge gemeuchelt? Alles unwichtig, Five Blue haucht ihnen auf “Wicked Ways” neues Leben ein. Und man erinnert sich plötzlich wieder, wie gut es klingen kann, wenn eine Rockband spielt. Riffs so knackig wie Baumnüsse, Rhythmen so ansteckend wie die Masern und Melodien, die durch die Gehörgänge schiessen und sich festkrallen wie Enterhaken – das ist das Repertoire von “Wicked Ways”.

Five Blue's Zweitling ist eigentlich ein Erstling und hört sich an wie ein Spätwerk. Nach dem Wohnzimmerdebüt “Moon” von 2008, mit Piano und Gesang minimalistisch umgesetzt, hat sich Christof Jaussi Zeit gelassen und in die Breite gebaut.

Aus dem Einmannbetrieb ist ein anspruchsvolles Bandprojekt geworden, aus dem Singer/Songwriter ein umtriebiger Rockbandleader. Mit Schlagzeug, Perkussion, Piano und Gesang legt er zwar das musikalische Fundament immer noch selber, doch die mittlerweile zwölf Gastmusiker sorgen für den wuchtigen und gleichzeitig feingliedrigen musikalischen Aufbau.

Was Jaussi auszeichnet ist, dass er seine eigenen Lücken zu füllen versteht. Es gibt virtuosere Pianisten und begnadetere Gesangsstimmen, doch es gibt wenig Musiker, die sich genau dort Unterstützung holen, wo sie gebraucht wird. David Brühlmann (An Làr) und Mei-Siang Chou (May, P-Jay) verhelfen den Refrains mit ihren präzisen Stimmen zu tragender Grösse, Martin Diems Gitarre (Schmetterband) sorgt für die solistischen Höhepunkte, und Rob Aeberhard (Trummer) und Mago Flück (Filewile) machen den Bässen ordentlich Beine. Selbst am Schlagzeug, seiner Paradedisziplin, ist Jaussi nicht auf schnelle Lorbeeren aus, sondern stellt sich kompromisslos in den Dienst des Gesamtwerks.

Und dieses Gesamtwerk ist nichts anderes als eine reife Rockplatte mit klar erkennbarer Handschrift. Christof Jaussis jahrzehntelange Erfahrung im Musikbetrieb merkt man “Wicked Ways” an. Er hat alle Songs selber geschrieben, selber produziert und damit kompromisslos seine eigene Vision verwirklicht. Die Bandbreite reicht vom weiten Stadionsound bis zur intimen Ballade.

Hier treibt eine lauernde Gitarre die Zweifel wie eine Dampfwalze vor sich her (“Doubts”), tankt sich das Schlagzeug unerbittlich durch den fremdenfeindlichen Morast (“Angst”), hebt der mehrstimmige Refrain alle Türen aus den Angeln und lässt frischen Wind durch die verstaubte Stube wehen (“Wicked Ways”).

Doch Five Blue trägt nicht umsonst die Schwermut im Namen. Im schmissigen “Alone” wird die Einsamkeit noch mit funkigen Basslinien umspielt, doch die Verletzlichkeit kehrt sich nach aussen. In “Our Big Brother” rollt das flächige Piano der Resignation den Teppich aus. Und die Orgel in “Hold On” würde die Hoffnung zu Grabe tragen, wenn sich nicht Martin Diems störrisch scheppernde Gitarre dagegen auflehnen würde - “the exit sign shines bright” singt Five Blue, doch seine Musik setzt sich fest, als wären alle Ausgänge versiegelt.